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Samstag, 7. September 2019

Ausstellung über Nazi-Design / SPIEGEL online 06.09.2019

Im niederländischen 's-Hertogenbosch wird in einer großen Ausstellung die Zeit auf Nationalsozialismus zurückgedreht. 275 Objekte sollen ab Sonntag zeigen, dass Design ein prägender Part der Nazi-Ideologie war und gezielt zur Verführung der Massen und zum Terror eingesetzt wurde. Ein derartiger Überblick sei noch nie in einem Museum zu sehen gewesen, heißt es, und die Vorbehalte sind groß. Muss man die "Gestaltung des Bösen", wie Museumsdirektor Timo de Rijk es formuliert, überhaupt zeigen? Inklusive Fotos von Adolf Hitler in Siegerpose, Stahlhelmen und immer wieder Hakenkreuzen?


Historiker de Rijk will diesen "unterbelichteten Teil der Designgeschichte" ausstellen, weil er die rassistische Ideologie verbreitete. Mit dabei sind Filme von Leni Riefenstahl und den Olympischen Spiele von 1936, offizielle Propaganda-Plakate, Fahnen und Uniformen, aber auch "Volksempfänger"-Radio und Essbestecke. Ein großer Teil der Exponate stammt aus Depots deutscher Museen.
SPIEGEL: Sie zeigen Nazi-Geschirr, Riefenstahl-Filme und Hitler-Porträts - so umfangreich, dass es einen beim Anblick gruselt. Darf man das überhaupt?
Timo de Rijk: Wenn es in einem historischen Kontext gemacht wird und die Absicht klar ist - natürlich.

SPIEGEL: Und was ist Ihre Absicht?
De Rijk: Zu verstehen, wie damals alles von der nationalsozialistischen Ideologie beherrscht wurde - vom VW Käfer bis zur Streichholzschachtel. Als Historiker möchte ich verstehen, was damals passiert ist. Ich halte es für meine Pflicht zu zeigen, dass Design und Kunst nicht immer erhaben sind, sondern auch missbraucht werden können.
SPIEGEL: Welche Ästhetik wurde konkret missbraucht?
De Rijk: Nazi-Design greift auf drei Strömungen zurück: den Klassizismus, der sich in monumentaler Architektur und auch der Ästhetik von Massenveranstaltungen niederschlug. Dann bedienten sich Nationalsozialisten der Folklore, hier geht es um die Verbindung zum Regionalen, zur Heimat. Und schließlich spielt auch die Moderne mit hinein, im Glauben an die Zukunft und Technologie. All das eigneten sich die Nazis an und deuteten es um. Die Massen sollten mithilfe angewandter Kunst verführt werden: mit Werbeplakaten, Architektur, Fotografie - aber auch dem Bau der Autobahn, der Regie von Parteitagen oder der Inszenierung der Olympischen Spiele. Wirklich alles sollte die Ideologie verbreiten.
SPIEGEL: Auch das deutsche Unternehmen Hugo Boss trug zum Nazi-Erfolg bei, indem es höheren SS-Offizieren beeindruckende Uniformen nähte. Kann man da noch von gutem Design sprechen?
De Rijk: Nein, sicher nicht von 'gutem' Design, weil das auch eine ethische Bewertung wäre. Aber die Uniformen galten als stylish, man muss diese Kunstfertigkeit anerkennen. Man kann die Gestaltung nicht dafür verurteilen, dass sie für Böses missbraucht wurde. Nazi-Symbole und Logos waren brillant gemacht. Sie funktionierten einfach.
SPIEGEL: Der Anblick von so vielen Hakenkreuzen und Hitler in Siegerpose ist für viele Menschen aber sehr schmerzhaft. Gegner der Ausstellung haben Demonstrationen angekündigt.
De Rijk: Diese Dinge kann man nur mit historischem Kontext zeigen, und wir ordnen das sehr gründlich ein. Jedes einzelne Exponat hat eine bestimmte Aufgabe in der Erzählung der Geschichte, die im Holocaust endete. Wir haben uns dafür ausführlich mit dem Israel Information and Documentation Center beraten.
SPIEGEL: Das ausgestellte Sideboard von Albert Speer mit den edlen Intarsien aus dem Büro Adolf Hitlers klingt aber eher nach NS-Memorabilia.
De Rijk: Nein. Wir zeigen es nicht, weil es schön ist - das wäre in der Tat eine Glorifizierung. Neben Produkten für die Massen, die die rassistische Idee verbreiten sollten, gab es natürlich auch den Luxus für die Machthaber. Die Elite hat damals ja fast höfisches Leben imitiert. Auch das muss man zeigen - nicht nur die Propaganda fürs Volk.
SPIEGEL: Wenn man befürchten muss, die NS-Zeit zu verherrlichen, ist das eine schwierige Vermittlungsaufgabe.
De Rijk: Ja, weil Design als etwas Positives gilt und man die bösen Seiten davon gern auslässt. Dieselben Menschen haben schöne Dinge gemacht und Gaskammern entworfen. Diese Uneindeutigkeit ist hart.
SPIEGEL: Wie haben Sie das gelöst?
De Rijk: Etwa, indem wir Flaggen nicht aufhängen, sondern in Vitrinen ausbreiten. Dadurch verlieren sie ihre Wirkung. Monumentale Filme zeigen wir auf kleinen Bildschirmen, nicht auf Leinwand. Wir präsentieren alles in nüchternem, dokumentarischem Licht. Es gibt in der Ausstellung nichts zu erleben - nur zu lernen.
SPIEGEL: Können Sie damit verhindern, zu einem Ausflugsziel für Neonazis zu werden?
De Rijk: Zunächst einmal darf jeder, der sich zu benehmen weiß, die Ausstellung sehen. Aber wir haben eine strikte Tür und viele Sicherheitskräfte. Es dürfen keine Fotos aufgenommen werden, und wir haben zusätzliche Mitarbeiter eingestellt, um zu überwachen, dass nichts in den sozialen Medien auftaucht.
SPIEGEL: Wäre diese Ausstellung in Deutschland denkbar?

De Rijk: Die Deutschen haben es natürlich viel schwerer, das Thema aufzuarbeiten. Wir haben nicht konkret gefragt, ob deutsche Museen die Ausstellung zeigen wollen. Aber sie haben sich über das Thema gefreut und uns mit den Leihgaben sehr unterstützt. Vielleicht ist das irgendwann auch in Deutschland möglich, auch in den USA gibt es Interesse. Wir sollten diese Lücke in der Kunstgeschichtsschreibung schließen.


Ausstellung: Design of the Third Reich, Designmuseum Den Bosch , 's-Hertogenbosch Niederlande, 8. September bis 19. Januar 2020

via https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/ausstellung-von-nazi-design-design-of-the-third-reich-in-s-hertogenbosch-a-1285483.html

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