Follower

Mittwoch, 23. Oktober 2019

"Schnipsel": Ein Blog rund ums Filmerbe, seine Bewahrug und Vermittlung

Vor kurzem ging in Deutschland ein Archiv mit 415 Stunden privaten Schmalfilmaufnahmen online – die „Open Memory Box“, die ohne die Digitalisierung undenkbar ist. Eine Sammlung der analogen Originalfilme wäre schlechter zugänglich, zumal die letztlich banalen Alltagsaufnahmen erst in ihrer Zusammenschau einen Reiz entfalten. Weil das digitalisierte Material in seiner Gesamtheit in jedem Moment präsent ist (oder immer nur einen Klick von einer sinnvollen Verbindung mit anderen Filmen entfernt), kann es leichter durchsucht oder neukompiliert werden. Die Verschlagwortung, die nicht nur thematisch, also über historisch assoziierbare Wichtigkeitsbegriffe („Trabant“, „DDR-Fahne“, „Honecker“), sondern vielmehr motivisch funktioniert, nämlich über randständige Beobachtungen („drehen“, „fallen“, „laufen“), macht aus dem Projekt einen Katalog alltäglicher Praktiken und Situationen.
Ein anderes Archiv sorgt in Matt Wolfs Dokumentarfilm „Recorder“ für einen guten Ausgang aus einer nicht unproblematischen, aber spezifisch eigensinnigen Lebensgeschichte. The Marion Stokes Project, wie der Film im Untertitel heißt, der seit seiner Premiere auf dem Tribeca Film Festival im Frühjahr aktuell über US-amerikanische Filmfestivals und durch ausgewählte Kinos tourt, erzählt vom Leben einer Frau, eben jener Marion Stokes (1929-2012), die über 35 Jahre lang in ihrer exquisiten Wohnung in Philadelphia bis zu acht Videorekorder laufen ließ, um lückenlos das Programm von CNN, Fox News, ABC, CBS und lokalen Fernsehsendern mitzuschneiden.
Welche Effekte solche Rigidität bei der Sicherung von als historisch wichtig empfundenem Material (Stokes und ihr früher verstorbener Mann richteten das eigene Sozialleben nach der Laufzeit der Videokassetten aus) erzeugen kann, illustriert „Recorder“ in einer Splitscreen-Montage, die den Einbruch des 11. September in die Realität der verschiedenen Programme zeigt: Zuerst schaltet CNN das Bild des angegriffenen, rauchenden World Trade Centers auf, später folgen ABC, CBS, zuletzt Fox News, wobei gerade die arglos vor sich hin witzelnde Morgensendung auf letztgenanntem Sender die Unvorstellbarkeit des Anschlags in der Gegenwart von 2001 in Erinnerung ruft.

Lebensgeschichte als Mediengeschichte

Wolfs Film entwirft die Lebensgeschichte von Marion Stokes als Mediengeschichte. Am Beginn des Mitschneideprojekts, das schließlich mehr als 70.000 Videokassetten umfassen wird, für die eigens Lagerräume angemietet werden, steht die Gründung von CNN als eigener News-Sender und das ABC-Format „Nightline“, das mit den Unterhaltungssendungen am Abend konkurriert. Als initial für diese Hinwendung zu Nachrichten als Fernsehstoff erscheint aus der Perspektive des Films die Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran im November 1979, die sich serienhaft über durch Inserts vermerkte Tage („Day 1“, „Day 2“ ... „Day 54“) in den Januar 1980 zieht, bis zur Amtseinführung von Ronald Reagan als US-Präsident. Der erfährt – das ist im Stokes-Project natürlich dokumentiert – auf dem Gang zum Balkon des Kapitol von der Befreiung der Geiseln.
„She was obsessed with the Mediation of Media“, sagt in „Recorder“ Michael Metelits, der Sohn aus Stokes’ erster Ehe über seine Mutter. Für Marion Stokes, die Ende der 1960er-Jahre selbst bei einem Lokalkanal an einer diskursiv offenen, politisch engagierten Form von Fernsehen mitwirkte, war die Bedeutung des Massenmediums ebenso klar, wie sie frühzeitig die Umwälzung erkannte, die der 1984 präsentierte Personal Computer, namentlich: der erste Macintosh-Rechner, haben sollte. Zudem hielt sie zahlreiche Abonnements von Zeitungen und Zeitschriften und verfügte am Ende ihres Lebens über 30.000 bis 40.000 Bücher. Stokes’ Ableben fällt auf den Tag des School Shootings von Newtown; wobei der Tod in der Erzählung des Sohnes erst kraft des Moments, medizinisch gesprochen müsste es heißen: festgestellt wird, in dem die laufenden Fernsehgeräte und aufzeichnenden Videorekorder abgestellt werden.

Eine geschlossene Sammlung als mediales Archiv

Die Frage, ob es sich bei Stokes’ Sammelleidenschaft nicht um eine elaboriertere Form von Messietum handelt, streift der Film mehrfach. Er findet mit der Aussage des Stokes-Sohns allerdings zu einer befriedigenden Unterscheidung: „Hoarder“, also die Hortende, lässt sich vom „Collector“, der Sammelnden, differenzieren durch den Umstand, welchen Wert jemand Drittes dem Aufgehobenen beimisst. Der Messie produziert Müll, die Sammlerin ein Archiv.
Dass die Videokassetten nach einiger Suche am Ende in den Bestand des Internet Archive in San Francisco übergingen, wird von „Recorder“ als glücklicher Epilog mit entsprechend aufgehellter Musik dargestellt. Es ist eine hübsche Pointe, dass die einstige Bibliothekarin, die als Kommunistin ihren Job verlor und vom FBI überwacht wurde, als Lebenswerk etwas hinterlassen hat, das einer Bibliothek nicht unähnlich ist.
Gerade die Geschlossenheit der Sammlung unterscheidet Marion Stokes’ Projekt etwa von dem der „Open Memory Box“, für das per Aufruf nach letztlich zufälligen Einsendungen gesucht wurde. Die Beforschung des Stokes-Bestandes ist in vielerlei Hinsicht denkbar, schon weil die Fernsehsender bisweilen weit weniger umfassend ihre eigene Geschichte pflegen.
Eine mögliche Lektürerichtung des Materials wird im Film erwähnt: dass sich aus den 35 Jahren Fernsehen, die Marion Stokes aufgenommen hat, ein Subarchiv über weiße Polizeigewalt gegenüber Nicht-Weißen extrahieren ließe, das den Stand des rassistischen Redens (Jefferson Beauregard Sessions, der später unter Trump Justizminister war, hat einen unrühmlichen Auftritt) und Handelns dieser Zeit abbildet. Nach allem, was Matt Wolf über Marion Stokes erzählt, dürfte das im Sinne der früh medienaffinen Civil-Rights-Aktivistin sein.

Matthias Dell 

Keine Kommentare: