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Montag, 29. Juli 2019

Darum fasziniert «Moby-Dick» bis heute / Christoph Egger. In: NZZ 28.07.2019

Mit «Moby-Dick» hat Herman Melville ein ebenso emblematisches wie revolutionäres Werk geschaffen. Naturgewalt prallt auf menschliche Hybris, eine packende Abenteuergeschichte wird mit Exkursen und Reflexionen durchschossen – und nicht zuletzt erhebt der Autor zum ersten Mal ein Tier zum literarischen Titelhelden.
1851 erschienen, war «Moby-Dick» vierzig Jahre später, beim Tod Herman Melvilles, wie sein Autor fast vergessen. Einzig in England hatten sich in kleinen Zirkeln stets Bewunderer dieser «Whaliad» erhalten, die nicht zuletzt dem Erfahrungshorizont Meer ganz neue Dimensionen erschlossen hat. Erst mit dem 100. Geburtstag setzte auch in seiner Heimat das «Revival» eines Autors ein, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts zu den Begründern einer genuin amerikanischen Literatur gehört hatte.
Nochmals hundert Jahre später ist Melville weltberühmt. Noch berühmter aber, lässt sich wohl sagen, ist «Moby-Dick». Beziehungsweise Moby Dick. Denn längst hat sich der Titelheld vom Libretto emanzipiert. Inzwischen wird mit seinem Namen weltweit Unfug getrieben, vom Gesundheitsprogramm für übergewichtige Kinder über Plattenlabel, Pizzeria-Ketten, Pornografie bis zur Geheimdienstoperation, und jahrzehntelang entging kaum ein Wal, der irgendwie mit Menschen in Berührung kam, dem Los, sogleich Moby Dick getauft zu werden.

Ein schlimmes Buch

Zweifellos aber hat diese Übernahme durch die Populärkultur ihre Rückwirkungen auf den Roman gehabt. Ein Ausdruck davon sind die «Moby-Dick»-Marathons – Lesungen, die inzwischen über elitäre Zirkel wie das New Bedford Whaling Museum, wo das Ritual vor einem Vierteljahrhundert ins Leben gerufen wurde, hinaus breitere Publikumsschichten erreicht haben. Nicht zuletzt gehört es mittlerweile für Prominenz aller Art zum guten Ton, selber eins der 135 zumeist kurzen Kapitel vorzutragen. Doch die rund fünfundzwanzigstündige Übung ist nicht ohne Risiko. 
Zum einen sagte Melville selber unmittelbar nach Erscheinen des Romans, in einem Brief an den bewunderten Nathaniel Hawthorne – dem das Buch zugeeignet ist –, er habe ein böses, schlimmes, frevelhaftes Buch geschrieben: «I have written a wicked book». Zum andern ist die Lektüre alles andere als leicht. Wie eine Teilnehmerin vor ein paar Jahren dem «New Yorker» sagte, habe das Ganze auch «etwas Furchterregendes wegen der Sprache des Buchs, der Angst, auf Grund zu laufen bei einem Wort, das man noch nie vorgetragen hat». Zudem sässen hinten alle die Leute, die jedes Wort mitläsen, so dass man nichts auslassen könne. ... [mehr] https://www.nzz.ch/feuilleton/moby-dick-den-weissen-wal-fasst-auch-sein-schoepfer-nicht-ld.1495381

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