Montag, 23. Juli 2018

bookbytes: Wissenschaftliches Publizieren unter der Lupe / Sven Fund

In die wissenschaftspublizistische Unterwelt hat sich ein Recherche-Team von Süddeutscher Zeitung (hier geht es zum Artikel: https://sz-magazin.sueddeutsche.de), WDR und NDR begeben und vermeintlich Neues wie tatsächlich Erschreckendes gefunden: Dubiose Anbieter von hunderter Predatory Journals und wissenschaftlicher Konferenzen, deren Vorträge Slapstick-Qualität haben, treiben da ihr Unwesen. Eines eint diese Angebote: Rücksichtsloses Streben nach Gewinn. Und es ist nur möglich, weil der Wunsch nach Anerkennung im Wissenschaftssystem die Grenzen von Verantwortung und Vernunft in einigen Fällen überschreitet. Das stellt Mechanismen des Forschungs- und Verlagssystems in Frage. Aber es gefährdet nicht seine Funktionsweise.
Das Team von Journalisten ist den Machenschaften des Verlags Omics und des Konferenzanbieters Ardil nachgegangen. Es hat vermeintlich wissenschaftliche Zeitschriftenartikel, die tatsächlich nur verklausulierter Unsinn sind, zur Publikation und zum Vortrag angeboten. Das Ergebnis: Weder die erfundene Identität des Autoren, noch die seines Forschungsinstituts oder des Arbeitsergebnisses führten im Peer Review-Verfahren zu einem Rauswurf aus der Zeitschrift, es wurden lediglich redaktionelle Hinweise zur Verbesserung des Papers gemacht. Nach der Zahlung einer Artikelgebühr wurde der Unsinn in Wissenschaftsgestalt in einer Zeitschrift online publiziert. Das Geschäftsmodell war – bis zur Veröffentlichung des SZ Magazin-Beitrags – einfach und sicher hochprofitabel.
So weit, so schlecht: Omics als inkriminierter Verlag behauptet, pro Jahr 50.000 Artikel zu publizieren, angesichts der fast 2,3 Millionen wissenschaftlichen Beiträge, die laut Weltbank 2016 veröffentlicht wurden, kein Flächenbrand. Aber doch Grund genug, sich mit diesem Krebsgeschwür des Forschungs- und Publikationsbetriebs genauer zu beschäftigen. Denn: In Predatory Journals publizieren nicht nur geltungssüchtige Forscher zweiter Klasse, sondern renommierte Wissenschaftler von Großforschungseinrichtungen, auch aus Deutschland. Bisher dachte der geneigte Beobachter, zumindest die hätten ein solches Verhalten nicht nötig und würden als leuchtende Vorbilder gegen akademische Nestbeschmutzung vorgehen und sie nicht noch unterstützen.
Und nicht nur Forscher fallen auf Raubverleger herein, auch die forschende Industrie mischt munter mit: Die Investigativen fanden heraus, dass Mitarbeiter aus 40% der Dax 30-Unternehmen Studien im anrüchigen Milieu der Betrüger veröffentlichen, nach Ansicht der Journalisten oft windige Forschung, die zwar geneigte Studien bringt, aber mit wissenschaftlichem Ethos sehr wenig zu tun hat. Wer behauptet, er habe den Betrug nicht erkennen können, ist nicht um Aufklärung und Besserung bemüht, sondern versucht, seine Haut zu retten. Doch dazu später mehr. ... [mehr] https://www.boersenblatt.net/bookbytes/artikel-wissenschaftliches_publizieren_unter_der_lupe.1495778.html

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