Manche harren jahrhundertelang ihrer wundersamen Auferstehung, die allermeisten vergeblich. Ihre Namen sind ebenso vergessen wie die Titel ihrer Bücher. Im Grunde ist es, als ob sie nie existiert hätten. Die Namen der meisten kennt man so wenig wie die Namen der eigenen Urgrosseltern. Und niemand ist da, der entscheiden könnte, ob es richtig sei, dass sie aus dem Gedächtnis der Nachwelt getilgt wurden. Einige aber überwintern – immerhin – in Bibliotheken.
Bibliotheken, schrieb Sartre sinngemäss, seien jene Orte, an denen Bücher zu Särgen würden. In ihnen schlummern Texte, die weder richtig tot noch richtig lebendig sind. Hier überdauern sie als Grabsteine aus Papier und Druckerschwärze. Unbemerkt und ungelesen stehen sie aufrecht und stumm nebeneinander.
Solange
Bücher offen herumliegen, nehmen sie am täglichen Leben teil. Sobald
sich ihr Besitzer aber entschliesst, sie zu den anderen ins Regal zu
stellen, werden sie zu Gedenktafeln ihrer selbst, Teil eines
unübersichtlichen Reihengrabs. Im Regal zeigen sie nichts weiter als
ihre schmalen Rücken, die uns nicht mehr verraten als Titel und Name des
Autors; und dies auch nur dann, wenn wir ganz nah an sie herantreten.
Aus der Entfernung unterscheiden sie sich lediglich durch ihre
Aufmachung und unterschiedliche Formate.
Wir
haben sie abgeschoben, und es kann Jahre oder gar Jahrzehnte dauern,
bis man sie wieder herauszieht und zur Hand nimmt, manchmal nur deshalb,
weil der Staub entfernt werden soll, der darauf liegt. Eben noch
beachtet und geschätzt, versinken sie in der Vergessenheit. Eingeklemmt
zwischen zwei Fremden oder Verwandten – anderen Werken der gleichen
Autorin oder des gleichen Autors –, erleben die allermeisten die
Befreiung aus der Umklammerung ihrer unbeweglichen, stummen
Regalnachbarn nie.
Da
ich dazu neige, Büchern eine möglichst lange Gnadenfrist einzuräumen,
bevor ich sie für immer im Regal verschwinden lasse, stapeln sich bei
mir die Bücherberge der Neuerwerbungen an verschiedenen Orten. Wenn ich
mich aber entscheide, Ordnung und Platz (für neue Berge) zu schaffen,
ist ihr Schicksal besiegelt. Bücher, die noch vor wenigen Monaten
erwartungsvoll ausgepackt und dann doch nicht gelesen wurden, werden mit
einer einzigen Bewegung – nach kurzem Überlegen, wo ihr alphabetischer
Platz ist – zu Gefangenen meiner Bibliothek.
Die
einzige Aufgabe der Neuzugänge ist es, die Regale zu hüten. Eine etwas
nachhaltigere Aufmerksamkeit erregen dank ihrer breiten Uniformität
bestenfalls mehrbändige Werk- oder Gesamtausgaben. Doch auch an diese
gewöhnt man sich schnell.
Gewiss
haben es diese Bücher immer noch besser als jene, die – aus welchen
Gründen auch immer – gleich im Papiermüll entsorgt werden. Es wird ihnen
wenigstens eine oft lebenslängliche Gnadenfrist gewährt. Sie dürfen
bleiben, bis ihr Besitzer stirbt, oder auch etwas länger, falls sich ein
Erbe findet, der sie übernehmen will. Dann aber geht es auch ihnen an
den Kragen, wie der grossen Gelehrtenbibliothek des kürzlich
verstorbenen, einst weltweit gespielten Dramatikers, die, da sich kein
Käufer fand, bei einem Antiquariat eingeliefert wurde – und dort ein
paar findige Käufer entzückte (denn es gibt sie ja noch, die Jäger
scheinbar verlorener Bücherschätze).
Noch
vor einem Vierteljahrhundert hätte sich manche Universitätsbibliothek
glücklich geschätzt, eine Sammlung dieser Güte in ihrer Totalität als
Dokument des Wissens aufnehmen zu dürfen. Heute muss man froh sein,
einen Abnehmer zu finden, der die Ware gratis abholt.
Kennen
Sie Martin Gumpert? Nein, auch ich hatte nie von ihm gehört, bis ich
vor wenigen Tagen in der Allgemeinen Lesegesellschaft in Basel auf ein
Buch mit dem nicht sonderlich ausgefallenen Titel «Der Geburtstag»
stiess. Alles andere als originell war auch der grüne Buchdeckel. Es
handelte sich um eines jener Bücher, die, wie früher üblich, von einer
Buchbinderei einheitlich gebunden worden waren; in diesem Fall von der
Buchbinderei Koelliker, vorm. Bauer, in Basel.
Just
diesen schmalen Band (Autor und Titel auf dem Rücken in Goldbuchstaben
auf rotem Grund) aus dem Regal zu ziehen und damit den Jahrzehnten zu
entreissen, in denen er dort – zwischen Aufzeichnungen der mir
unbekannten Agnes Geering und dem Roman «Wohin wir gehören» von Hans
Habe (Verlag Oprecht, 1948) – unbeweglich und ungelesen gestanden hatte,
war reiner Zufall: Ich stand davor, las den (zweifellos jüdischen)
Namen des Autors und schlug das Buch mit der Signatur «L 6208» auf.
Interessanter
als der Titel des Romans war zweifellos der Schutzumschlag: ein
Holzschnitt eines ungenannten Künstlers, der einen offenen Arztkoffer
mit heraushängendem Stethoskop vor der unverwechselbaren
Wolkenkratzer-Skyline New Yorks darstellte, und darunter ein
Verlagsname, den jeder kennt, der sich auch nur oberflächlich mit der
deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts befasst hat: Querido Amsterdam
1948.
In
diesem Verlag veröffentlichten ab 1933 zahlreiche ins Exil gedrängte
Autoren von Rang jene Werke, die in Deutschland nicht mehr erscheinen
durften. Aber eben auch inzwischen Vergessene wie der Arzt und Dichter
Martin Gumpert, der, wie ich seither nachlesen konnte, Thomas Mann als
Vorbild für die Figur des Mai-Sachme in den Joseph-Romanen gedient
hatte.
Einige
seiner Werke wurden in den letzten Jahren sogar bei S. Fischer und im
Südverlag neu herausgebracht. Was ich also zunächst für einen
abgetauchten Schatz hielt, erwies sich als eine bereits wiederentdeckte
Rarität, die mir einfach entgangen war. Es war eine angenehme
Enttäuschung, nicht der Erste und nicht der Einzige gewesen zu sein, der
auf sie gestossen war. Ich lieh mir Gumperts Roman «Der Geburtstag»
aus, nahm ihn nach Hause und las ihn als Bericht über einen
hoffnungsvollen Versuch eines Europäers, in der fremden Kultur Amerikas
aufzugehen.
Die
beiden Bücher, die den «Geburtstag» flankierten, überliess ich ebenso
ihrem Schicksal wie die abertausend anderen Bücher, die hier seit langem
vergeblich darauf warten, gelesen zu werden. Die Vorstellung, die
bescheidene Baslerin Agnes Geering und der weltgewandte, eitle Hans Habe
würden Martin Gumpert nach seiner Rückkehr in einem regen
Gedankenaustausch zur Rede stellen, verfolgte mich bis in den Schlaf.
Wie
prahlerisch mag sich ein Buch verhalten, das aus dem Bibliotheksdunkel
befreit wurde und nach seinem Ausflug in die reale Welt dorthin
zurückkehrt? Eine Frage, die Autoren wie Jorge Luis Borges oder Italo
Calvino besser beantworten könnten als ich; aber auch sie ruhen längst
schweigsam in Bibliotheken.
Unter den Büchern meiner Bibliothek stehen auch die von Autoren, die
meinen Lebensweg vor langer Zeit gekreuzt, manchmal sogar mitbestimmt
haben. Ich habe sie längst aus den Augen verloren. Einige leben nicht
mehr, andere haben aufgehört zu schreiben oder zu publizieren, manche
sind verstummt oder haben es aufgegeben, nach Verlagen zu suchen, die
bereit wären, ihre Texte zu veröffentlichen, die niemanden mehr
überzeugen.
Dass
ich ihre Bücher dennoch nicht aussortiere, liegt nicht daran, dass mir
ihre Werke wichtig sind (oder je waren). An die Verfasser denke ich nur
dann, wenn ich ihre Bücher sehe; ich weiss, dass ich sie nie wiederlesen
werde; aber sie sind die letzten Orientierungspunkte, die mich mit den
einstigen Bekannten verbinden, und die wirft man nicht einfach weg. Täte
ich es doch, wäre es so, als würde ich das Andenken dieser Menschen
gewaltsam aus dem Weg räumen.
Wozu
sollte das gut sein? Ich bewahre die letzten und standhaftesten Zeugen
ihres Wirkens und unserer zeitlich befristeten Freundschaft in meiner
Büchergruft, auf die je nach Lage und Witterung hin und wieder ein
Sonnenstrahl fällt. Nicht anders als auf jedes andere Grab, ob es nun
besucht wird oder nicht.
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