Dienstag, 20. Februar 2018

Das weisse Blatt ist eine Illusion: Über die Kulturtechnik des Lesens / Felix Philipp Ingold

Sie erinnern sich? Belesenheit galt einmal als Prämisse und Ausweis für Allgemeinbildung. Beides, Allgemeinbildung wie Belesenheit, wird heute weithin für obsolet gehalten, gehört jedenfalls nicht mehr zu den erstrebenswerten Geistesqualitäten und wird auch kaum noch irgendwo, weder an Hochschulen noch im Berufsleben, als selbstverständlich vorausgesetzt. Keiner, der heute als Intellektueller reüssieren und sich behaupten will, muss «seinen» Lukrez, «seinen» Goethe, «seinen» Baudelaire oder auch bloss «seinen» Thomas Mann gelesen haben.
Heutiges Leseverhalten ist nicht mehr durch breit angelegte, thematisch und strukturell komplexe Vorlagen konditioniert, sondern primär durch Kurz- und Kürzesttexte, wie sie via Twitter, SMS, Facebook, E-Mail verbreitet oder empfangen werden. Dazu kommt die stetig sich verdichtende öffentliche «Stadtschrift», die Informations- und Werbetexte aller Art in sich vereint, dazu Spruchbänder bei Demonstrationen, Plakate und gesprayte Parolen, aber auch Schriftzüge auf öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Firmen- und Privatfahrzeugen, dazu Aufdrucke auf T-Shirts sowie tätowierte Losungen auf der blossen Haut. ... [mehr] https://www.nzz.ch/feuilleton/das-weisse-blatt-ist-eine-illusion-ld.1353776

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