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Mittwoch, 28. November 2018

Ade, du schöne Hutgerechtigkeit! Vom Kommen und Gehen der Wörter / Paul Jandl in: NZZ 28.11.2018

Ach, die deutsche Sprache! Es seufzt und träumt in ihrem Gebälk. Sie hat Wörter erfunden wie Nachhausekunft, Zugemüse, dankbarlich, Nirgendland, Honigseim und Hutgerechtigkeit. Und wozu? Nur damit immer weiter neue Wörter erfunden werden. Es ist ein Kommen und Gehen. Am Einfallstor der deutschen Sprache steht seit Jahr und Tag der Duden, und manchmal macht er auch Inventur.
Welche Wörter im Lauf der Zeiten aus diesem Kanon sprachlicher Befindlichkeit geflogen sind, kann man jetzt in einem Buch nachlesen. Es heisst «Was nicht mehr im Duden steht» (Verlag Bibliografisches Institut) und ist die wundersame Gemütsgeschichte einer Sprache, die weder vor «Empfindelei» (gestrichen 1986) noch vor «Afterweisheiten» (1934) zurückschreckt. Die «schabernackisch» (1967) und «nachdenksam» (1951) sein kann.
Früher war vieles anders. Da fuhr der Zärtling in Überschwupper und Autocoat zum Lawn-Tennis, um sich danach an Hotschpott und Zugemüse zu laben. Möglich, dass er abends noch mit schnakigen Tanzgirls beisammensass. Apropos: Der «Busenstar» hat im Duden-Reich des Jahres 2000 das Zeitliche gesegnet, genauso wie die «Sexboutique». Dafür ist das «Busenwunder» (auf vielfachen Wunsch?) in die Ausgabe von 2017 aufgenommen worden.
Nicht immer sind die Wege der Redaktion so erforschlich wie bei politischen Umbrüchen. Das Wort «Nahrungssorgen» hat die NS-Ideologie im Kriegsjahr 1941 eigenhändig aus dem Duden getilgt, während weit weniger harmlose Begriffe hinzugekommen sind. Dafür mussten sich Adolf Hitler und seine Wörter-Entourage 1947 aus dem Duden verabschieden. «Blutschutzgesetz» und «Reichssportführer» kamen in der damaligen 13. Auflage nicht mehr vor. Die Worte «Sippenforschung» (2006) und «Rassenkampf» (1973) haben aber noch eine Weile überdauert. ... [mehr] https://www.nzz.ch/feuilleton/der-duden-raeumt-auf-woerter-kommen-und-gehen-ld.1439848

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