Freitag, 13. Januar 2017

Nach dem Abbruch der Verhandlungen HRK und Elsevier / Stephan Holländer

Im Rahmen des Projekts DEAL verhandelt die Hochschulrektorenkonferenz im Auftrag der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen mit den großen Zeitschriftenverlagen, um jeweils eine Bundes-Lizenzlösung zu realisieren, über die dann alle Artikel dieser Verlage bundesweit zur Verfügung stehen würden. Die Allianz hat für die Umsetzung des Projektes eine Expertengruppe aus Universitäten und außeruniversitären Institutionen sowie einen Projektlenkungsausschuss eingesetzt. Die wissenschaftlichen Bibliotheken sind durch Dr. Antje Kellersohn, Direktorin der Universitätsbibliothek Freiburg, und Frank Scholze, Direktor der KIT-Bibliothek Karlsruhe vertreten. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Prof Dr. Horst Hippler, ist Sprecher des Projektlenkungsausschusses.
Die Grundpositionen der Hochschulen für die Verhandlungen sind:
• Teilnehmereinrichtungen sind alle zur Teilnahme an Allianz- und Nationallizenzen berechtigten Einrichtungen in Deutschland.
• Für DEAL-Einrichtungen wird ein dauerhafter Volltextzugriff auf das gesamte Titel-Portfolio der Verlage für DEAL-Einrichtungen eingeräumt.
• Sämtliche Publikationen von Autoren aus deutschen Einrichtungen werden Open Access geschaltet (CC BY)
• Angestrebt wird eine angemessene Bepreisung nach einem einfachen, zukunftsorientierten Berechnungsmodell, das sich am Publikationsaufkommen orientiert.
Aus der Pressemitteilung der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen sei über den Stand der Verhandlungen zitiert:
„Nach mehrmonatigen intensiven Verhandlungen hat der Verlag Elsevier der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen ein erstes Angebot für eine bundesweite Lizenz für den Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen vorgelegt. Das Angebot entspricht nach Überzeugung der Allianz nicht den Prinzipien von Open Access und einer fairen Preisgestaltung. Trotz der derzeit bei 40 Prozent liegenden Umsatzrendite setzt der Verlag weiter auf Preissteigerungen jenseits der bislang bezahlten Lizenzsummen. Der Verlag lehnt transparentere Geschäftsmodelle ab, die auf der Publikationsleistung basieren und Publikationen offener zugänglich machen würden.“
Elsevier entgegnete mit einem Pressecommuniqué [1] der Allianz:
„Elsevier wurde von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) darum gebeten, an vertraulichen Verhandlungen teilzunehmen, um erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eine landesweite Vertragsvereinbarung für wissenschaftliche Literatur zu entwickeln. Wir sind diesem Ansinnen nachgekommen und haben Vorschläge für eine Abonnement-Lizenz und separat für Open-Access-Publikationen für deutsche Forscher gemacht. Elsevier wurde auch darum gebeten, einen Vorschlag zu machen, der landesweit mehr Inhaltsvolumen sowie bedeutend mehr Institutionen umfasst, als es momentan über individuelle Verträge der Fall ist. Dies erhöht die Komplexität und das Gesamtvolumen des zu verhandelnden Vertrages.“ 

Es wird seitens Elsevier deutlich, dass man sich gegen den Kulturwandel in Deutschland wie auch in der Schweiz stemmen will, in der sich als Mehrheitsmeinung durchsetzt. die mit öffentlichen Geldern finanzierten Forschungsresultate sollten unter Open Access zugänglich gemacht werden. Wenn getrennt über beide Modelle verhandelt wird, zeichnet sich das Risiko ab, dass gleich zweimal abkassiert wird: zum ersten, wenn Forscher eine Art Bearbeitungsgebühr für die Begutachtung, Redaktion und die Verbreitung ihrer Beiträge zahlen und zweitens als Leser und Nutzer ihrer Beiträge für das bezahlte Abonnement der Publikation.
In den letzten Monaten haben mehrere deutsche Universitäten ihr Abonnement mit Elsevier zum 1. Januar 2017 gekündigt. Damit ist etwa 60 Einrichtungen vorerst der Zugang zu den Elsevier-Publikationen verwehrt.
Aber selbst dann, wenn der Deal gelingen sollte, verbreiten sich in Fachkreisen Skepsis und große Befürchtungen über seine voraussichtlichen Folgen:
• Wenn der Buchhandel aus den Transaktionen zwischen Verlagen und Nutzern ausgeschaltet wird, werden diesem Deckungsbeiträge entzogen, die für den Fortbestand zahlreicher Buchhandlungen und damit der kulturellen Infrastruktur wichtig sind.
• Aggregatoren und Agenturen fallen aus der Wertschöpfungskette heraus. Der weiteren Monopolisierung des Zugang zu wissenschaftlichen Information wird Vorschub geleistet.
• Mittlere und kleinere Bibliotheken mit geringeren Budgets müssen Titel einstellen, die nicht ihrem Kernbereich für den Bestandsaufbau oder ihrer Spezialisierung entsprechen. Etatmittel für Sondersammelgebiete fehlen.
• Kleinere Verlage blieben bei Lizenzverhandlungen unberücksichtigt. Ihre Titel wären in Bibliotheken unter­repräsentiert. Herausgeber und Trägerverbände von Zeitschriften könnten darauf drängen, die Zeitschrift an einen der drei Verlage zu verkaufen. Das würde die „Großen Drei“ noch stärker als bisher machen.
Die Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlicher Sortimente (AWS) hat deshalb einen Protestbrief veröffentlicht, in dem auch die drei großen Verlage kritisiert wurden.
via Open Password Pushdienst vom 13.01.2017 [Text leicht gekürzt] 

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