Dienstag, 13. September 2016

Sieg des Bauchgefühls - Warum der Mensch sich von Fakten nicht weiter behelligen lässt

"Freunde der Aufklärung dürften sie ergötzen, die Zahlen der Unesco: Es sind weltweit inzwischen 7,8 Millionen angestellte Vollzeitwissenschaftler am Werke, die Forschungsausgaben belaufen sich auf fast 1,5 Billionen Dollar pro Jahr, und 2014 wurden jeden Monat etwa 1,3 Millionen wissenschaftliche Aufsätze publiziert. Wow. Eine Gesellschaft, die so viel in Wissenszuwachs investiert, darf erwarten, dass sich der Einsatz lohnt. Sie darf Antworten auf die großen Fragen dieser Zeit erwarten: Was sind die Folgen des Klimawandels, des Brexit, der Einwanderung, der Umstellung auf erneuerbare Energien? Antworten, die vielleicht nicht immer eindeutig sind, die aber, eben weil sie aus der Wissenschaft kommen, eine gemeinsame, objektive Basis schaffen und damit unsere in diesen Fragen gespaltenen Gesellschaften wieder näher zusammenbringen. Die einende Kraft des Faktischen, das ist eine schöne Vorstellung - aber auch eine schrecklich naive, wie Forscher der Harvard University und des University College London jetzt in einem Experiment gezeigt haben. Sie konfrontierten Versuchspersonen, die den Klimawandel eher für harmlos halten, mit bedrohlichen Forschungsergebnissen zum Thema. Die Probanden zeigten sich davon wenig beeindruckt, ihre Meinung änderten sie schon gar nicht. Legte man ihnen hingegen Wissenschaftsnews vor, die ihre Einschätzung bestätigten, fanden sie den Klimawandel prompt noch harmloser als zuvor. Es verwundert nicht, dass es sich bei der anderen Gruppe der Versuchsteilnehmer, die der Klimawandel ängstigt, genau umgekehrt verhält. Der Mensch, man hat es geahnt (aber eigentlich so genau nicht wissen wollen; quod erat demonstrandum), lässt sich von Fakten nicht weiter behelligen oder nur dann, wenn sie ihm in den Kram passen. Das heißt leider auch: Wissenschaft kann eine Gesellschaft leichter spalten als einen."

via DER SPIEGEL 37 / 2016        

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